Walther Rathenau Gesellschaft e.V.

Rückblick

Die Eröffnung der Ausstellung »Gewalt gegen Weimar« in der Topographie des Terrors

Ausstellung »Gewalt gegen Weimar« – Einführung: Zerreißproben der frühen Republik 1918-1923. (Foto: musealis GmbH)
Ausstellung »Gewalt gegen Weimar« – Einführung: Zerreißproben der frühen Republik 1918-1923. (Foto: musealis GmbH)

Nachdem die multimediale Ausstellung »Gewalt gegen Weimar. Zerreißproben der frühen Republik 1918-1923« seit dem November 2023 zunächst im Schloss Freienwalde zu sehen gewesen war, ist sie mittlerweile in das Zentrum Berlins umgezogen. Aus diesem Anlass fand dazu am 19.03.2024 in der Topographie des Terrors eine feierliche Eröffnungsveranstaltung statt, zu der neben den Kuratoren der Ausstellung, die unter der Leitung Prof. Dr. Martin Sabrows in Zusammenarbeit mit dem Verein Weimarer Republik e.V., dem Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam, der Walther Rathenau-Gesellschaft und der Walther Rathenau-Stift GmbH sowie dem Deutschlandfunk erarbeitet und von der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien sowie dem Land Brandenburg mit insgesamt rund einer halben Million Euro gefördert wurde, auch Vertreter:innen aus Politik und Kultur sprachen.

Im Dokumentationszentrum begrüßte zunächst die Direktorin der Stiftung Topographie des Terrors, Frau Dr. Andrea Riedle, die zahlreich erschienen Gäste. Sie hob die Bedeutung der Ausstellung auch für die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus hervor, denn dessen Wurzeln lägen bekanntlich in der Demokratie, insofern eröffne die Ausstellung einen wichtigen Blick auf die Vorgeschichte der nationalsozialistischen Diktatur und ihren Ermöglichungsbedingungen. Dazu wird es, begleitend zur Ausstellung, auch ein verschiedene Veranstaltungen umfassendes Begleitprogramm (siehe Veranstaltungen) geben, das sie abschließend vorstellte.

Ausstellungseröffnung »Gewalt gegen Weimar« in der Topographie des Terrors, Vortrag Prof. Dr. Martin Sabrow (Foto: Stiftung Topographie des Terrors/Christian Schlenker)
Ausstellungseröffnung »Gewalt gegen Weimar« in der Topographie des Terrors, Vortrag Prof. Dr. Martin Sabrow (Foto: Stiftung Topographie des Terrors/Christian Schlenker)

Im Anschluss betonte Berlins regierender Bürgermeister, Kai Wegner, in seiner Ansprache zunächst die hervorragende Bedeutung der Topographie des Terrors für die städtische Auseinandersetzung mit einem der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte und verwies auf die Aktualität der Ausstellung »Gewalt gegen Weimar«, indem er an das politisch motivierte Attentat auf den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke erinnerte, der am Juni 2019 von einem Rechtsextremisten ermordet wurde. Die nun auch in der Topographie des Terrors zu sehende Ausstellung zeige auf eindringliche Weise, wohin eine Verrohung der politischen Auseinandersetzung führen könne, wenn erst einmal das Vertrauen in die Demokratie und ihre staatlichen Institutionen zerstört sei.

Dr. Andreas Görgen, leitender Beamter bei der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, griff diesen Gedanken in seinen anschließenden Grußworten auf und führte ihn weiter. Auch er zog eine Linie vom Attentat auf den damaligen Kasseler Oberbürgermeister Philipp Scheidemann, den im Sommer 1922 drei Rechtsradikale der terroristischen Organisation Consul (vergeblich) zu ermorden suchten, zum tödlichen Anschlag auf Walter Lübcke und betonte die Aktualität der Ausstellung. Görgen warnte vor den Verlockungen des Unbedingtheits-Pathos, dem die Attentäter von damals anhingen und das auch in der gegenwärtigen politischen Kultur immer größere Bedeutung erlange, und appellierte an das Aushalten und zivilisierte Austragen von Konflikten in der Demokratie. Er verwies in diesem Zusammenhang auf die Geschichte der Topographie des Terrors selbst, die zunächst mit Desinteresse und unzureichender Unterstützung aus der lokalen Politik zu kämpfen hatte, bevor sie sich als über die Stadtgrenzen hinausstrahlender Ort der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus etablieren konnte, und pries den gewaltlosen, argumentativen Widerspruch als unverzichtbares Mittel des gesellschaftlichen Fortschritts.

Prof. Dr. Martin Sabrow führt Kai Wegner, den Regierender Bürgermeister von Berlin, durch die Ausstellung »Gewalt gegen Weimar« (Foto: Stiftung Topographie des Terrors/Christian Schlenker)
Prof. Dr. Martin Sabrow führt Kai Wegner, den Regierender Bürgermeister von Berlin, durch die Ausstellung »Gewalt gegen Weimar« (Foto: Stiftung Topographie des Terrors/Christian Schlenker)

Prof. Dr. Martin Sabrow, der wissenschaftliche Leiter der Ausstellung, griff in seinem abschließenden Vortrag die Ausführungen seiner Vorredner:innen auf, betonte jedoch, dass kein gerader Weg von der Vergangenheit in die Gegenwart führe. Er wies dabei auf den gänzlich anderen Gründungskontext der Weimarer Republik hin, deren Geburt im Schatten einer – anders als nach 1945 – ultraheroischen Auseinandersetzung mit der gerade erlittenen Kriegsniederlage erfolgte und an einer Polarisierung der Gesellschaft litt, die – anders als in der Gegenwart – keinerlei demokratisches Fundament besaß. Wenn auch die Voraussetzungen und Bedingungen, die seinerzeit ein nachgerade »endemisches Gewaltpotential« (Andreas Wirsching) begründeten, durchaus anders gelagert seien als in der Gegenwart, so helfe der historische Vergleich jedoch, den Blick für die Gefahren der Gegenwart zu schärfen, betonte Sabrow.

Ein kleiner Empfang rundete die gelungene Veranstaltung ab, bot Zeit und Raum, mit den Kuratoren der Ausstellung ins Gespräch zu kommen, und wer wollte, konnte sich im Anschluss von ihnen durch die Ausstellung führen lassen, die nun bis zum 1. September 2024 im Dokumentationszentrum der Topographie des Terrors zu besichtigen ist.

Tilmann Siebeneichner

3. April 2024

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