Walther Rathenau Gesellschaft e.V.

Walther Rathenau

Unternehmer und Politiker, Schriftsteller und Zeitkritiker, Künstler und Philosoph
Walther Rathenau um 1917
Walther Rathenau um 1917

Inhalt

I. Eigensinniger jüdischer Fabrikantensohn mit vorgezeichneter Karriere

»Die Kunst und das unbewußte Schaffen ist die Sprache der Seele, die Wissenschaft und das bewußte Schaffen ist die Sprache des Verstandes.«

Walter Rathenau, Breviarium Mysticum, 1906.

Walther Rathenau stammte mütterlicherseits aus der wohl situierten und hoch angesehenen Bankiersfamilie Nachmann, die seit vielen Jahrzehnten zum jüdischen Patriziat in Mainz zählte. Der Vater konnte seine soziale Position als Berliner Unternehmer nach der Gründerzeit nur mühsam behaupten, besonders nachdem er die von ihm betriebene Maschinenfabrik wenige Jahre nach der Geburt seines ältesten Sohnes Walther liquidieren musste. Erst mit der Gründung der Deutschen Edison-Gesellschaft und nachmaligen AEG 1883 entstand die Grundlage für den wirtschaftlichen Aufstieg der Familie und damit auch für den glanzvollen Lebensweg Walther Rathenaus.

Der Sohn stand in seiner Schul- und Studienzeit in Opposition zur Stellung des Vaters als Unternehmer. Die Ablehnung steigerte sich in der Schulzeit, besonders als der Vater seine Zuneigung auf den jüngeren Sohn Erich (1871-1903) verlagerte und in ihm den eigentlichen Firmennachfolger zu sehen begann. Der jugendliche Walther Rathenau, als jüdischer Fabrikantensohn auch auf dem konservativen Berliner Wilhelms-Gymnasium nicht voll anerkannt, flüchtete sich in eine Gegenwelt, träumte von einem Leben als Künstler oder Schriftsteller und kultivierte seine musischen Begabungen.

In der Wahl der Universitätsfächer fügte er sich zwar dem väterlichen Wunsch, absolvierte seine naturwissenschaftlichen und technischen Studien in Straßburg, Berlin und München aber mit Unlust. Auch seiner ersten beruflichen Tätigkeit als technischer Beamter der zur AEG gehörenden Aluminium-Industrie-AG Neuhausen (Schweiz) ging er mit solchem Widerstreben nach, dass seine Mutter ihm brieflich riet, den Beruf zu wechseln und Maler oder Professor zu werden. Rathenau setzte aber den eingeschlagenen Lebensweg fort, an dem ihn nach eigener Aussage vor allem befriedigte, dass er durch bloße Energie auf einem Gebiet etwas leiste, auf dem er talentlos sei »wie eine Kuh«.

Neben seinem Beruf als Ingenieur aber bildete Rathenau auch seine künstlerischen Begabungen aus, versuchte – wenn auch vergeblich – bereits als Student, ein von ihm verfasstes Drama auf die Bühne zu bringen. Er trieb Malstudien, von denen sich einige in Form von Skizzenbüchern erhalten haben. Sie stammen unter anderem aus Rathenaus Militärzeit, die er anschließend an sein Studium als Einjährig-Freiwilliger bei den Gardekürassieren in Berlin absolvierte. Infolge seiner bürgerlichen Herkunft und seiner jüdischen Geburt am Aufstieg zum Reserveoffizier gehindert, blieb auch hier der Wunsch Rathenaus unerfüllt, eine gesellschaftliche Position außerhalb der von seinem Vater vorgezeichneten Karriere als Unternehmer zu erreichen.

Jugendbildnis Walther Rathenau, 1890
Jugendbildnis Walther Rathenau, 1890

II. Aufstieg in der Wirtschaft

»Die Wirtschaft ist unser Schicksal. Schon in wenigen Jahren wird die Welt erkennen, daß die Politik nicht das Letzte entscheidet.«

Walther Rathenau, Rede auf der Tagung des Reichsverbandes der deutschen Industrie, 1921.

Die Biographie Walther Rathenaus zeigt eine seltene Spannweite von ausgebildeten Fähigkeiten, die es erlauben, Rathenau als Naturwissenschaftler, Ingenieur, Manager, Politiker, Sozialphilosoph oder Künstler anzusprechen. Hinter ihnen zeigt sich allerdings eine Zerrissenheit, die auf die sozialen und politischen Verhältnisse im Kaiserreich zurückgeht. Durch die Karriere des Vaters und AEG-Gründers Emil Rathenau in die gesellschaftliche Elite aufgestiegen und durch eine entsprechende Bildung ausgezeichnet, blieb Walther Rathenau doch wegen seiner bürgerlichen Herkunft bis 1918 in seinem Aufstieg zu politischem Einfluss zurückgesetzt und als Jude zeitlebens Angehöriger einer auch in der Oberschicht diskriminierten Minderheit. Er selbst schrieb rückblickend in Erinnerung an die ihm verwehrte Offizierskarriere: »In den Jugendjahren eines jeden deutschen Juden gibt es einen schmerzlichen Augenblick, an den er sich zeitlebens erinnert: wenn ihm zum ersten Male voll bewusst wird, dass er als Bürger zweiter Klasse in die Welt getreten ist und dass keine Tüchtigkeit und kein Verdienst ihn aus dieser Lage befreien kann.«

Nach seinem Studium wurde Rathenau mit 24 Jahren für zwei Jahre technischer Beamter in einer zur AEG gehörenden Schweizer Firma, die Aluminium herstellte. Er entwickelte Patente vor allem zur elektrolytischen Chlorgewinnung, um ab 1893 in Bitterfeld den Aufbau einer elektronischen Industrie zu leiten. Der Versuch aber, auf diese Weise eine eigene Position im väterlichen Konzern aufzubauen, scheiterte. 1898 mussten die vom Konkurs bedrohten Werke verpachtet werden. Die vom Ingenieur Walther Rathenau ersonnene Verfahrenstechnik erwies sich als nicht konkurrenzfähig.

Rathenau wechselte zur Zentrale der AEG, in der er fortan in wechselnden Positionen die Rolle eines »alternden Kronprinzen« (Musil) spielte, so von 1899–1902 als Leiter der Abteilung Kraftwerksbau. Zeitweise im Direktorium, später im Verwaltungsrat der AEG-Hausbank Carl Fürstenbergs, der Berliner Handels-Gesellschaft, trieb Rathenau die Konzentration der Elektroindustrie voran. Er besaß ein Aufsichtsratsmandat in fast 100 Unternehmungen und seit 1904 auch in der AEG. Rathenau entwarf in Denkschriften gar die Vision eines Reichselektrizitätsmonopols, aber es gelang ihm nicht, die direkte Leitung der AEG in die Hand zu bekommen. Auch nach dem Tod des Vaters 1915 blieb sein Bemühen erfolglos, in das 1902 verlassene AEG-Direktorium zurückzukehren. Er musste sich mit dem eine nicht gegebene Machtfülle vortäuschenden Titel des „Präsidenten der AEG“ zufriedengeben.

Walther Rathenaus Entwurf eines Signets für die Elektrochemischen Werke Bitterfeld, Tusche auf Papier 19,5 x 21 cm
Walther Rathenaus Entwurf eines Signets für die Elektrochemischen Werke Bitterfeld, Tusche auf Papier 19,5x21 cm

III. Von der Wirtschaft zur Politik

»Verschmilzt die Wirtschaft Europa zur Gemeinschaft, und das wird früher geschehen als wir denken, so verschmilzt auch die Politik. Das ist nicht der Weltfriede, nicht die Abrüstung und nicht die Erschlaffung, aber es ist Milderung der Konflikte, Kraftersparnis und solidarische Zivilisation.«

Walther Rathenau, Deutsche Gefahren und neue Ziele, 1913.

Fortan versuchte Rathenau sich stärker auf politischem Gebiet zu engagieren, was ihm im Kaiserreich aufgrund seiner jüdischen Herkunft schwer gemacht worden war. Dem wirtschaftlichen Ausbau und der territorialen Erweiterung des deutschen Kolonialreiches dienten 1907/08 zwei Afrikareisen als Begleiter Dernburgs, des Staatssekretärs im neu errichteten Reichskolonialamt. Sie geschahen auf Veranlassung des Reichskanzlers Bülow, fanden aber ohne offiziellen Auftrag statt, weswegen sie sehr zurückhaltend anerkannt wurden. Eine ins Auge gefasste nationalliberale Kandidatur bei den Reichstagswahlen 1912 scheiterte. Erst der Kriegsausbruch wies Rathenau eine tragende Rolle zu. Er wurde zum Leiter der deutschen Kriegsrohstoffversorgung berufen, deren kriegswichtige Bedeutung er sofort erkannt hatte. Aus diesem Amt 1915 ausgeschieden und in der Hoffnung enttäuscht, zum Staatssekretär des Reichsschatzamtes berufen zu werden, wirkte Rathenau in der Folgezeit vor allem publizistisch mit der Propagierung einer staatssozialistischen Übergangswirtschaft. Dies brachte ihm die verbitterte Kritik sowohl der Großindustrie als auch konservativer und linker Politiker ein.

Seine Warnung vor dem unbeschränkten U-Boot-Krieg und die pessimistische Beurteilung der deutschen Siegesaussichten stießen auch im patriotischen Bürgertum auf Ablehnung, sodass sich Rathenau mehr und mehr zwischen allen Stühlen wiederfand.

Nachdem Rathenau sich durch eine aus dem Wunsch nach Stärkung der deutschen Position in den kommenden Friedensverhandlungen entsprungenen, aber psychologisch verfehlten Appell zu einer allgemeinen »Levée en masse« (Massenerhebung, Volkswiderstand) im Oktober 1918 auch gegen die Friedenssehnsucht der Volksmassen gestellt hatte, war er politisch in der Revolutionszeit isoliert. Ein von ihm mitbegründeter »Demokratischer Volksbund« fiel nach einigen Tagen wieder auseinander.

Aus der Liste der Sozialisierungskommission wurde er gestrichen, an der Kandidatur für die Nationalversammlung in der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) gehindert. Die in einer Eingabe aus Schweden geforderte Wahl Rathenaus zum Reichspräsidenten beantwortete die Nationalversammlung mit minutenlangen Lachsalven. Rathenaus Bild in der Öffentlichkeit zeichnete die Zeitung »Die Republik« Ende 1918 folgendermaßen: »Jesus im Frack, (…) Inhaber von 39 bis 43 Aufsichtsratsstellen und Philosoph von Kommenden Dingen, Schlossbesitzer und Mehrheitssozialist, erster Aufruf – nach Ludendorffs Zusammenbruch – für die nationale Verteidigung und beinahiges Mitglied der revolutionären Sozialisierungskommission, Großkapitalist und Verehrer romantischer Poesie, kurz – der moderne Franziskus v. Assisi, das paradoxeste aller paradoxen Lebewesen des alten Deutschlands«.

Walther Rathenau, Selbstporträt, nach 1909; Pastell auf Karton, 57x42 cm
Walther Rathenau, Selbstporträt, nach 1909; Pastell auf Karton, 57x42 cm

IV. Walther Rathenau als Politiker

»Deutschland wünscht in Westeuropa zu bleiben und ein Glied jener Völkergruppe zu sein, die den Fortschritt der Zivilisation vertritt; aber es ist verständlich, daß wenn sein Leiden zu bitter wird, die Saat des Radikalismus, die wohl heute überall in Deutschland zu finden ist, zu einer furchtbaren Ernte heranwächst.«

Walther Rathenau, Was aus Europa werden soll, 1921.

Rathenaus politisches Wirken begann erst nach dem misslungenen Kapp-Lüttwitz-Putsch 1920 mit der Berufung in die Zweite Sozialisierungskommission und entfaltete sich bald darauf in der Reparationspolitik. Er setzte dem populären, aber außenpolitisch aussichtslosen Widerstand gegen die alliierten Reparationsforderungen die Strategie der nur vermeintlichen »Erfüllungspolitik« entgegen, die auf Vertrauensbildung und damit wachsende Einsicht bei Frankreich und vor allem England setzte, um so die tatsächliche Unerfüllbarkeit der Siegerbedingungen glaubhaft zu machen. Gegen großen Widerstand berief ihn Reichskanzler Joseph Wirth daher 1921 zunächst zum Wiederaufbauminister und dann im Februar des folgenden Jahres in sein zweites Kabinett als Außenminister.

Nach guten Anfangserfolgen der Rathenauschen Strategie zerstörte aber die Ersetzung der kompromissbereiten französischen Regierung Briand durch Poincaré, einen erklärten Gegner aller Reparationsverhandlungen, die Grundlagen der Erfüllungspolitik. Auf der Wirtschaftsgipfelkonferenz in Genua im April/Mai 1922 drohte eine neue Isolierung Deutschlands. Durch die Umstände und seine Berater gedrängt, schloss Rathenau in einem Vorort von Genua den seither mit seinem Namen verbundenen Rapallo-Vertrag, der die in die Ferne gerückten Hoffnungen auf einen Ausgleich mit den Alliierten zugunsten einer Verständigung mit Sowjetrussland zurückstellte.

Doch diese politische Konzeption steigerte nur die Verachtung der deutschen Rechten gegenüber Rathenau und ließ ihn zu einer vorrangigen öffentlichen Hassfigur werden, der als Kapitalist Profit scheffle, als Sozialist die Bolschewisierung betreibe und als jüdischer Außenminister Deutschland an die Alliierten und an Russland gleichermaßen verschachere.

Nachdem sich die Drohbriefe und Schmähungen häuften und der deutschnationale Reichstagsabgeordnete Karl Helfferich einen neuen öffentlichen Angriff auf Rathenau gestartet hatte, suchte Rathenau am 23. Juni 1922 die Versöhnung mit seinem wichtigsten wirtschaftspolitischen Gegenspieler Hugo Stinnes. Tags darauf wurde er ermordet.

Walther Rathenau während seiner Amtszeit als Minister
Walther Rathenau während seiner Amtszeit als Minister
Fotografie »Abschied von Genua«, 1922
Fotografie »Abschied von Genua«, 1922

V. »Vom Reich der Seele«. Schriftsteller, Künstler, Kunstsammler

»Das Intellektuelle erscheint nüchtern, hastig, widersprechend, absichtlich, verwickelt und mühsam, das Seelenhafte klingend und farbig, selbstverständlich und einfach.«

Walther Rathenau, Zur Mechanik des Geistes, 1913.

Lange hatte Rathenau gegen den ihm vorgezeichneten Berufsweg revoltiert und noch 1907 erwogen, sich ganz auf einen Landsitz zurückzuziehen und ausschließlich der Philosophie zu widmen. In die literarische Öffentlichkeit trat Rathenau 1897 mit dem in Maximilian Hardens »Zukunft« erschienen Aufsatz »Höre, Israel!«, der seine eigene Zwiespaltigkeit gegenüber dem grassierenden Antisemitismus spiegelt und seinem Autor Empörung besonders unter jüdischen Lesern eintrug. Über Harden, der für fünfzehn Jahre sein enger Freund und Mentor wurde, schloss Rathenau Bekanntschaft mit den herausragenden Vertretern der literarisch-künstlerischen Opposition der Kaiserzeit wie Wedekind, Stefan Zweig, Sternheim, Hofmannsthal und Graf Kessler. In der »Zukunft« erschienen in den Folgejahren immer wieder Aufsätze, die sich mit geschäftlicher Moral und kulturellen Betrachtungen befassten und später zusammengefasst in Rathenaus ersten selbständigen Veröffentlichungen »Impressionen« und »Reflexionen« erschienen.

Zum viel gelesenen Autor des S. Fischer Verlages und »Großschriftsteller« (Musil) avancierte Rathenau durch diejenigen Werke, in denen er, von Nietzsche beeinflusst, die „Mechanisierung“ als Grundübel der Gegenwart beklagte und die Vision einer ethisch begründeten neuen Ordnung entwarf.

Nach den Schriften »Zur Kritik der Zeit« (1912) und »Zur Mechanik des Geistes« (1913) vollendete er 1916 sein letztes größeres Werk »Von kommenden Dingen«. Darin geht es um die viel diskutierte Skizzierung eines künftigen Volksstaates mit weitgehender sozialer Gerechtigkeit, Ideen, die ihn in bürgerlichen Kreisen stark isolierten. Vorletzterem Werk gab er später den zusätzlichen Titel »Vom Reich der Seele«, ohne diesen Begriff genau bestimmen zu können. Im Einklang mit einflussreichen Ansichten seiner Zeit, bildete die Seele für Rathenau das absolute Gegenteil von Verstand und Intellekt.

Die Vorstellung, Kunst sei »die Sprache der Seele«, beeinflusste auch den Sammler und Künstler Walther Rathenau. Seit seiner Studienzeit hielt er seine jeweilige Umgebung in Dutzenden von Skizzenbüchern, auf Briefen und Postkarten fest. Um 1910 griff er in Freienwalde erstmals zu Pastellstiften und bannte die dezente Schönheit des Schlosses und die Pracht des blühenden Parks auf Karton. Bei diesen Bildern sowie auf den etwa gleichzeitigen Porträts seiner Mutter und von sich selbst erkennt man trotz einer gewissen Sachlichkeit und Kühle unschwer Anklänge an die stilistischen Vorbilder Munch und Liebermann. Als Kunstsammler richtete Rathenau seit jungen Jahren sein Hauptinteresse auf Antiquitäten, mit denen er schon die elterlichen Wohnungen ausstattete. Für seine Grunewald-Villa und Schloss Freienwalde erwarb er eine Vielzahl an Möbeln, Bildern und Kunsthandwerk des 18. und 19. Jahrhunderts. Aber auch die zeitgenössische Kunst der Jahrhundertwende beschäftigte und inspirierte ihn als Kunsttheoretiker ebenso wie als Mäzen.

Eine Streitschrift vom Glauben, 1917
Eine Streitschrift vom Glauben, 1917

VI. Das Attentat und dessen Folgen

»Da steht der Feind, der sein Gift in die Wunden eines Volkes träufelt, da steht der Feind, und darüber ist kein Zweifel: Dieser Feind steht rechts!«

Reichskanzler Joseph Wirth vor dem Reichstag am 25. Juni 1922

Rathenaus politisches Engagement hatte ihm die gewünschte politische Anerkennung, mehr noch aber auch neue Feinde eingetragen. Auf der Linken wollte man ihm seinen Aufruf zur Levée en masse in den letzten Kriegswochen nicht vergessen. Im überwiegend nationalistischen und zunehmend antisemitischen Bürgertum wurde hingegen das auf Versöhnung bedachte außenpolitische Handeln Rathenaus immer schärfer kritisiert. Der radikalste Anwalt dieser Strömung, in der sich der wirtschaftliche Niedergang der bislang staatstragenden Mittelschichten ein Ventil suchte, war Karl Helfferich. Er griff am Tage vor Rathenaus Ermordung den Außenminister in einer Reichstagsrede heftig an. Sie gipfelte in der Forderung, die ganze Regierung wegen Ausverkaufs der nationalen Interessen vor einen Staatsgerichtshof zu stellen. Dennoch kamen Rathenaus Mörder nicht aus der parlamentarischen Rechten, sondern aus einem der nach der Auflösung der Freicorps in den Untergrund gegangenen rechtsradikalen Wehrverbände in Deutschland. Die Brigade Ehrhardt, militärischer Träger des Kapp-Lüttwitz-Putsches vom März 1920, hatte unter ihrem Führer Hermann Ehrhardt und unter dem Schutz bayerischer Behörden in München die »Organisation Consul« aufgebaut. Unter dem harmlosen Namen »Bayerische Holzverwertungsgesellschaft« rekrutierte sie im ganzen Reich Mitglieder, um nach außen die Landesgrenzen gegen einen erneuten Polenaufstand zu verteidigen und nach innen eine Wiederholung des 1920 misslungenen Staatsstreiches vorzubereiten.

Nachdem Angehörige der »O.C.« mit den Anschlägen auf Matthias Erzberger und Philipp Scheidemann Attentate auf verhasste prominente Weimarer Politiker verübt hatten, um das Land zu destabilisieren, bereitete nun eine eigens gebildete Verschwörergruppe monatelang den Anschlag auf Rathenau vor. Am Vormittag des 24. Juni 1922 heftete sich ein starkmotoriger offener Wagen an das kleine NAG-Cabriolet, mit dem Rathenau ins Auswärtige Amt fuhr. An einer nur langsam zu passierenden Kurve überholte der Verfolgerwagen. Die Mörder eröffneten das Feuer aus einer Maschinenpistole, trafen den wehrlosen Minister mit mehreren Schüssen und warfen eine Handgranate.

Die Nachricht von dem mörderischen Anschlag erschütterte Deutschland wie kein anderes Attentat in der Weimarer Zeit. Im Reichstag kam es zu tumultartigen Auseinandersetzungen, die in ein Chaos mündeten, als ein rechtsradikaler Besucher Helfferich einen schwarz-weiss-roten Blumenstrauß auf das Pult legte. Im Reich marschierten Demonstrationszüge wie seit dem November 1918 nicht mehr. Ein eintägiger Generalstreik unterstützte die Forderung nach wirksamen Maßnahmen gegen die drohende Gefahr von rechts. Der Reichstag reagierte mit einem Gesetz zum Schutz der Republik, das die verfassungsmäßige Ordnung gegen die aufkommende Gegenrevolution schützen sollte, sich aber schnell in eine scharfe Waffe gegen links verwandelte. Die eigentlichen Mörder wurden nach einer vierwöchigen Verfolgungsjagd durch ganz Deutschland auf Burg Saaleck bei Bad Kösen gestellt und starben bei einem Schusswechsel mit der Polizei bzw. durch eigene Hand. Die überlebenden Täter wurden von dem neu geschaffenen Staatsgerichtshof mit zum Teil langjährigen Zuchthausstrafen belegt. Das hinter den Anschlägen vermutete Komplott zum Sturz der republikanischen Regierung hingegen wurde aus außenpolitischen Rücksichten nie öffentlich angeprangert, geschweige denn aufgeklärt.

»Die Mörder Rathenaus« Fahndungsplakat des Polizeipräsidenten von Berlin vom 30.6.1922
»Die Mörder Rathenaus« Fahndungsplakat des Polizeipräsidenten von Berlin vom 30.6.1922

VII. Märtyrer der Republik

»Das Schicksal Erzbergers und Rathenaus muß heute jedem Arbeiter die Augen darüber öffnen, dass eine Koalition mit solchen bürgerlichen Männern im Kampf für die Republik für die Arbeiterschaft wahrlich keine Schande ist.«

Aus einem gedruckten Flugblatt der SPD, das im Juli 1922 unter dem Titel »Der Mord an Rathenau und die Pflicht der Arbeiterklasse« verbreitet wurde.

Als Rathenau am 24. Juni 1922 in der Berliner Koenigsallee auf der Fahrt ins Auswärtige Amt im offenen Wagen ermordet wurde, war er 54 Jahre alt. Eben erst hatte er als Reichsaußenminister begonnen, eine neue Epoche der deutschen Außenpolitik nach dem Ersten Weltkrieg zu eröffnen. Der später als »Erfüllungspolitik« geschmähte Versuch, die unerfüllbaren Forderungen der auf den Versailler Vertrag pochenden Siegermächte durch Kooperation statt durch Konfrontation zu mildern, hatte im Wiesbadener Abkommen erste Früchte getragen. Auch der Ausgleich mit Sowjetrussland im Rapallo-Vertrag, mit dem Deutschland sich außenpolitische Bewegungsfreiheit zurückeroberte, wurde von Rathenau, wenn auch nur zögernd, verantwortet.

Der tote Rathenau galt im liberalen Spektrum fortan mit Erzberger und später Ebert als Märtyrer der Republik. Eine Walther Rathenau Stiftung und eine Walther Rathenau Gesellschaft bemühten sich, mit der Verwaltung seines Vermächtnisses das Andenken an den Ermordeten zu bewahren. Sie stießen jedoch angesichts der politischen Atmosphäre in Deutschland schnell auf Schwierigkeiten, wenn es z. B. galt, eine Straße nach Rathenau zu benennen oder an der Mordstelle ein schlichtes Gedenkzeichen zu errichten. Die Nationalsozialisten tilgten das Andenken an den jüdischen Staatsmann, soweit sie es vermochten und ehrten stattdessen seine Mörder mit pompösen Feiern, etwa auf der Burg Saaleck. Nur wenige Beteiligte des Mordkomplotts aber hatten später an der Herrschaft der Nazis teil, deren Sieg sie zuvor vorbereiten halfen. Die meisten spielten nach 1933 keine politische Rolle mehr. Einige knüpften gar Kontakte zum nationalkonservativen Widerstand.

In Freienwalde schenkten Rathenaus Erben Edith Andreae und ihre vier Töchter das Schlossanwesen nach dem Tod der Mutter im Jahre 1926 dem damaligen Landkreis Oberbarnim. Mit der Annahme der Schenkung durch den Landrat und Rathenau-Freund Peter-Fritz Mengel verpflichtete sich der Landkreis, Rathenaus Andenken durch die Pflege des Schlosses Freienwalde wach zu halten. Das gelang allerdings nur bis 1933, als auch in Bad Freienwalde nichts mehr an den jüdischen Großindustriellen und Politiker Walther Rathenau erinnern durfte. Es vergingen 58 Jahre, bis er in seinem einstigen Besitztum in der alten Kur- und Badestadt wieder angemessen geehrt werden durfte.

»Dem Gedenken Walther Rathenaus«, Programm einer Gedenkveranstaltung im Reichstag am 24.6.1923
»Dem Gedenken Walther Rathenaus«, Programm einer Gedenkveranstaltung im Reichstag am 24.6.1923